Die Chronik des „Weißen Rößls“: Über 250 Jahre Geschichte
1. Ursprung und Bau (18. Jahrhundert)
Das Gebäude in der Burgstraße 35 wurde im 18. Jahrhundert (ca. 1730–1750) als massiver Bruchsteinbau errichtet. In der Blütezeit der Kupfermeister diente es als Herberge und Umspannstation direkt unterhalb der Burg Stolberg. Es war eine strategisch wichtige Anlaufstelle für Fuhrleute und Reisende, die in der aufstrebenden Industriestadt Station machten.
2. Die Ära der Brauer-Dynastie Brückmann (ab dem 19. Jahrhundert)
Die Familie Brückmann (in alten Dokumenten auch Bruckmann) ist die prägende Kraft hinter dem Haus. Bis heute befindet sich das Gebäude im Eigentum der Familie Brückmann.
Die Ketschenburg-Brauerei: Im Jahr 1817 gründete die Familie die berühmte Stolberger Ketschenburg-Brauerei. Das „Weiße Rößl“ fungierte über ein Jahrhundert lang als der repräsentative Brauereiausschank der Familie in der Altstadt. Hier wurde das eigene Ketschenburg-Bier (wie das spätere „Edel-Pils“) direkt im Schatten der Burg ausgeschenkt.
Sozialer Mittelpunkt: Unter den Brückmanns wurde das Haus zum Stammlokal zahlreicher Handwerkszünfte und Vereine.
3. Das Haus in den Weltkriegen (1914–1945)
Erster Weltkrieg (1914–1918): Trotz Rohstoffknappheit hielten die Brückmanns den Betrieb aufrecht. Das Haus war ein zentraler Ort für Nachrichten von der Front und ein Treffpunkt für Soldaten auf Heimaturlaub.
Zweiter Weltkrieg (1939–1945): Im Herbst 1944 wurde Stolberg zur Frontstadt. Die Burgstraße lag im Zentrum heftiger Straßenkämpfe. Die massiven, historischen Gewölbekeller des Weißen Rößls dienten der Nachbarschaft als lebenswichtiger Luftschutzkeller vor dem Artilleriebeschuss der US-Truppen. Das Haus überstand den Krieg weitgehend unversehrt und diente nach der Befreiung kurzzeitig zur Einquartierung von US-Soldaten.
4. Nachkriegs Arä zwischen 1945 - 2010 wird aktuell recherchiert.
5. Die Ära Manfred Blumberg (2010 – 2021)
Ab 2010 wurde das Restaurant von Manfred Blumberg und seiner Frau Livia geführt. Blumberg, der zuvor rund 20 Jahre lang das Restaurant „Zum Rasch“ in Breinig betrieben hatte, übernahm das Weiße Rößl nach der Schließung seines alten Betriebs Ende 2015.
Soziales Engagement: Blumberg war in Stolberg besonders für sein soziales Herz bekannt. Er führte im Weißen Rößl die Tradition fort, an Heiligabend ein kostenloses Festessen für bedürftige und einsame Menschen auszurichten.
Manfred Blumberg hat im Rahmen seiner Hilfeleistungen nach der Flut 2021 auch eine kostenlose Verpflegung organisiert.
Obwohl sein Restaurant „Weißes Rößl“ in der Burgstraße selbst nicht vom Hochwasser betroffen war, nutzte er seine Kapazitäten als Gastronom, um zu helfen:
Verpflegung für Betroffene und Helfer: In den Tagen und Wochen nach der Katastrophe gab er im „Weißen Rößl“ warme Mahlzeiten an Menschen aus, die durch die Flut ihr Hab und Gut oder ihre Kochmöglichkeiten verloren hatten. Auch die zahlreichen freiwilligen Helfer, die in der Stolberger Altstadt im Einsatz waren, wurden dort versorgt.
Fortsetzung einer Tradition: Dieses Engagement passte zu seiner langjährigen sozialen Einstellung. Er war in Stolberg bereits dafür bekannt, seit 2007 jedes Jahr an Heiligabend gemeinsam mit seiner Frau Livia ein kostenloses Weihnachtsessen für Bedürftige auszurichten.
Besonderes Weihnachtsessen 2021: Im ersten Winter nach der Flut (Weihnachten 2021) weitete er dieses Angebot explizit auf die Flutopfer aus, da viele Anwohner der Unterstadt zu diesem Zeitpunkt noch immer in provisorischen Verhältnissen lebten.
Diese Hilfsbereitschaft, kombiniert mit seinem Einsatz bei der Rettung des Stadtarchivs, machte ihn zu einer der prägenden Figuren der privaten Nachbarschaftshilfe in Stolberg während der Krisenzeit. Im Jahr 2022 übergab er das Restaurant schließlich an die Köchin Susanne Vössing und verabschiedete sich in den Ruhestand.
Ruhestand: Mit dem Erreichen des Rentenalters verabschiedete sich Manfred Blumberg Mitte 2022 in den Ruhestand und beendete damit eine Ära der klassischen Altstadt-Gastronomie.
6. Das Konzept „Vössing im Weißen Rößl“ (2022–2025)
Im Oktober 2022 pachteten die Sterneköchin Su Vössing und ihr Ehemann Bui Vössing das traditionsreiche Haus.
Das Konzept: Su Vössing etablierte eine „gehobene Wohlfühlküche“. Ihr Ziel war es, handwerkliche Brillanz aus der Sternegastronomie in einer entspannten Atmosphäre anzubieten. Das Haus fungierte dabei gleichzeitig als Restaurant und Thekenausschank, um die historische Identität als Treffpunkt für alle Bürger zu wahren.
Schließung: Im Januar 2025 gaben die Pächter bekannt, das Restaurant aus persönlichen Gründen zu schließen. Das Gebäude verblieb weiterhin im Eigentum der Familie Brückmann.
7. Zukunftsblick: Murphy’s White Horse (ab 2026)
Für das Jahr 2026 ist eine neue Ära für das historische Gebäude unterhalb der Burg geplant:
Das neue Konzept: Die Räumlichkeiten werden als Irish Pub unter dem Namen „Murphy’s White Horse“ neu eröffnet.
Kontinuität: Mit dem Fokus auf Bierkultur und Geselligkeit kehrt das Haus zu seinen Wurzeln zurück, die einst von der Brauerfamilie Brückmann gelegt wurden. Der Name „White Horse“ bleibt dabei eine direkte Hommage an die über 250-jährige Geschichte des „Weißen Rößls“.
Zusammenfassend: Das Weiße Rößl hat in über 250 Jahren drei Staatsformen, zwei Weltkriege und zahlreiche Besitzerwechsel überstanden. Es bleibt ein steinernes Zeugnis der Stolberger Stadtgeschichte, die mit dem Murphy´s White Horse weitergeht…